II. Tänze

Zu den Haupttänzen der irischen und britischen Folkmusik gehören der Reel, die Jig und die Hornpipe.

Reel

Der Reel wird im 4/4-Takt notiert, obwohl er rhythmisch betrachtet im Allabreve stehen müsste. Der Reel wird mit einem Tempo von 120-128 Halben pro Minute gespielt.

Charakteristisch für den Reel ist, dass Achtelnoten überwiegen, wobei eine Phrase oft in einer Viertelnote endet und die folgende Phrase ohne Pause drangehängt wird. Es ist möglich, den Rhythmus leicht zu verzerren, indem die erste Note im Takt verlängert wird und die Töne auf dem zweiten Viertelschlag verkürzt werden.

Ursprünglich entstand der Reel in den schottischen Highlands als Rundtanz. Es gab verschiedene Varianten wie den threesome, fourseome oder sixsome Reel, je nach Anzahl der Tänzer. Der threesome Reel wurde auch in Verbindung mit einer Figur aus Kontratänzen aus dem europäischen Festland gebracht, die als „Haye“, „Hey“ oder der deutschen „Hecke“ in den Volkstänzen verschiedener Nationen wiederzufinden ist. Diese Figur verbreitete sich um 1500 aus dem Festland kommend in England und Schottland. Der schottische Reel wurde in frühen Quellen schlicht als Country Dance (Kontratanz) bezeichnet. Der Begriff „Reel“ festigte sich um 1600 als Tanzgenre. Im 18. Jahrhundert setzte sich der foursome Reel mit vier Einzeltänzern durch, und seit den 1880er Jahren ist der heute bekannte eightsome Reel in Gebrauch. Der Reel war im 19. Jahrhundert sowohl in England als auch in Irland äußerst beliebt und wurde auch an den meisten europäischen Höfen getanzt.

Im 18. Jahrhundert gelangten englische Country Dances nach Schottland und vermischten sich mit dem Reel, wobei die Achter-Figur „Reel“ bzw. „Hey“ integriert wurde. Der Reel besteht aus zwei Teilen, die sich entsprechend den Phrasen der Musik abwechselten: 8 Takte Travelling (Achterfiguren mit drei oder vier Personen) und 8 Takte Setting (Tanz auf der Stelle, jeder für sich). Diese Tanzfigur (Reel of three oder Reel of four) ist bis heute ein Bestandteil des modernen Highland Dancing und des Scottish Country Dance.

Die ältesten Melodien des Reels stammen vom Dudelsack und weisen daher häufig kleine Septimen auf. Spätere Melodien wurden auf der Fidel gespielt, die den Dudelsack in der Tanzmusik verdrängte. 

In Schottland ist der erste Schlag des Reels betont, manchmal wird ein Scot Snap auf den ersten Schlag gemacht, der dem lombardischen Rhythmus entspricht und aus der Fiddle-Musik des 18. Jahrhunderts stammt.

Der Strathspey [stræθˈspeɪ], eine langsamere Variante (112-120 bpm) des Reels in Schottland, zeichnet sich durch viele punktierte Noten und die typischen Scotch-Snaps aus. Dieser Stil wurde von den Fidlern geprägt, die schärfer punktierten als die Piper.

Ursprünglich wurden schottische Reels am Dudelsack wahrscheinlich nicht punktiert. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde jedoch die punktierte Spielweise aus dem Strathspey eingeführt, und die Verzierungen wurden komplexer.

In Irland entwickelte sich der Reel seit etwa Ende des 18. Jahrhunderts. Viele irische Reels stammen von schottischen Musikern, und es gibt zahlreiche Varianten von schottischen Reels in Irland unter verschiedenen Namen. Neben diesen Tunes haben sich über tausend einheimische Reels entwickelt. Der Reel war ursprünglich eine reine Tanzmelodie, wurde jedoch im Laufe der Zeit durch Verzierungen interessanter für das Publikum gestaltet. Im frühen 19. Jahrhundert löste der Reel den Jig als beliebtesten Tune in Irland ab. Der irische Reel erhält eine Nebenbetonung auf 3. Viertelschlag und weist in der Regel leicht punktierte Achtelnoten auf, wobei das Verhältnis zwischen den Achtelnoten zwischen 50:50 und 60:40 liegt. Die Punktierung erreicht jedoch selten das Triolenfeeling einer Hornpipe (66:33). Die Struktur des Reels ist oft AB oder AABB, was 16 bzw. 32 Takte ergibt. Der B-Teil wird in der oberen Oktave gespielt, und eine Reel-Struktur wird normalerweise zwei- bis dreimal wiederholt, bevor der nächste Tune beginnt. Mehrere Reels werden oft zu einem Set zusammengestellt. Unter Reel ist meist der Double Reel gemeint, der vorwiegend aus Achtelnoten besteht, während der Single Reel selten ist und mehr Viertelnoten enthält und meist im 2/4-Takt steht.

In Nordamerika brachten englische, irische und schottische Einwanderer ihre Musik mit, und die Reels wurden dort als „Breakdown“ oder „Hoedown“ bezeichnet. Diese Reels bildeten die Grundlage für den Square Dance. Im Vergleich zum irischen Reel liegt die Betonung im nordamerikanischen Reel auf dem Backbeat, der von begleitenden Gitarren oder Banjos gespielt wird, und gelegentlich gibt es längere, synkopische Noten in der Fiddle-Melodie. 

Jig

Der Name Jig [d͡ʒɪɡ] leitet sich vom Begriff „Gigg(e)“ ab, der eine ältere Form der Violine bezeichnet und mit dem deutschen Wort „Geige“ etymologisch verwandt ist. Ursprünglich aus dem nördlichen England und den schottischen Lowlands stammend, erlangte die Jig im 16. Jahrhundert am englischen Hof Popularität. Die ursprüngliche Taktart war 12/4, und der Tanz war zunächst hauptsächlich ein Solo-Stepptanz ähnlich der Hornpipe. Im 17. Jahrhundert wurden jedoch auch Country Dances zur Jig getanzt.

Die Jig gelangte im 17. Jahrhundert nach Frankreich, wo sie als Gigue [ʒiːɡ] Eingang in die Suite fand und somit Teil der Kunstmusik wurde. Als Gesellschaftstanz spielte die Jig in Frankreich keine bedeutende Rolle. Jacques Gaultier, einem Lautenisten, der von 1619 bis 1648 am englischen Hof wirkte, wird zugeschrieben, die Gigue um die Mitte des 17. Jahrhunderts nach Frankreich gebracht zu haben. Charakteristisch für die französische Gigue sind punktierte Rhythmen im 3/4- und 6/4-Takt, ausschweifende, unregelmäßig lange Phrasen und häufig Imitationen im Sinne einer Fuge. 

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich die Jig weiter zu Stücken in zusammengesetzten Taktarten wie 3/8, 6/8 und 12/8. Die Melodie besteht überwiegend aus Achtelnoten oder Gruppen aus Viertel- plus Achtelnote, oft in zwei Teilen zu je acht Takten, die wiederholt werden (AABB-Struktur). 

In Irland wurde die Jig im 16. Jahrhundert vermutlich von England übernommen. Manche der einheimischen Märsche in Irland wurden zu schnelleren Jig-Melodien überführt. Teilweise stammen die Melodien der irischen Jigs auch aus England. Im 18. Jahrhundert nahm die irische Jig ihre heutige Form an, wobei verschiedene Untertypen entstanden: 

Double Jig: 6/8-Takt, häufigste Jig-Art. Jede Zählzeit aus drei Achtelnoten. 110 bis 127 bpm. 

Single Jig: um Unterschied zur Double Jig besteht sie aus Gruppen aus Viertelnote + Achtelnote, und ähnelt damit einer triolisch gespielten Hornpipe. Taktarten: 12/8, aber auch 6/8. 

Slide: schneller Single Jig, 137 bpm. 

Slip Jig (9/8): Zwei Typen: aus Gruppen von Viertelnote + Achtelnote aufgebaut (dieser Typ wird auch als Hop Jig bezeichnet), oder durchgehend aus Achtelnoten bestehend. Tempo beider Typen etwa bei 144 bpm. 

Alle Typen der Jig werden im Irish Dance verwendet. Die Jig ist heute die zweitbeliebteste Tune-Art im Irish Folk. Eine besondere Spielweise der irischen Jig ist der „lilt“, der je nach Vorliebe des Musikers stärker oder schwächer ausgeführt werden kann. Dabei werden die erste und vierte Achtel des Taktes länger ausgeführt, die zweite und fünfte dafür umso kürzer. Dritte und sechste Achtel sind unverändert. 

In Schottland gibt es keine Unterscheidung zwischen Jigs im 6/8- und 9/8-Takt. 

Vor dem Aufkommen der Country dances, waren Jigs in der Bagpipe-Musik der Highlands selten. Es gab aber viele Stücke im 6/8-Takt, die als Marsch bezeichnet wurden. 

Die aus England importierten Country Dances wurden auch in Schottland im 18. Jahrhundert die vorherrschenden Gesellschaftstänze. In der schottischen Country Dance-Tradition wurden Jigs im 6/8-Takt getanzt, zusammen mit Reels und den um 1750 aufkommenden Strathspeys. Jigs und Reels wurden praktisch gleich getanzt, da sie dasselbe Tempo und zweizählige Takte haben.

Hornpipe

Der Name „Hornpipe“ stammt von einem alten Holzblasinstrument. Die Hornpipe ist eng mit der Jig verwandt, und gilt als englischer Nationaltanz. Die bekannteste Hornpipe ist die Sailor’s Hornpipe, auch als The College Hornpipe bezeichnet. Die Melodie dieser Hornpipe basiert auf dem Lied „Jack’s the Lad“. 

Ursprünglich im 3/2-Takt, wurde die Hornpipe auf verschiedene Weise getanzt, nämlich als Rundtanz, Solotanz und ab Mitte des 17. Jahrhunderts auch als Country Dance. Nur der Solotanz ist bis heute erhalten. 

In der Barockmusik, insbesondere bei englischen Komponisten wie Henry Purcell und Georg Friedrich Händel, fand die Hornpipe ihren Platz. Charakteristisch sind Synkopen, Akzentverschiebungen und lebhafte Melodien mit markantem Laufwerk.

Historisch gesehen wird angenommen, dass die Hornpipe-Musik im 3/2-Takt aus Nordengland und dem englisch-schottischen Grenzgebiet stammt. Die älteste bekannte Hornpipe-Melodie wurde vom Komponisten Hug Aston (1485-1558) aus Leicester geschrieben. In der Dudelsackmusik von Northumbria haben sich dreizählige Hornpipes bis heute erhalten, z.B. „Lads of Alnwick“. Andernorts wurde der traditionelle 3/2-Takt um 1760 von 2/4-Takt verdrängt, später entwickelten sich auch Hornpipes im 4/4-Takt. Diese neue Variante der Hornpipe wird ausschließlich als Solotanz getanzt. 

Manche alte Hornpipe-Melodien im 6/4-Takt sind als 9/8-taktige (Slip) Jigs erhalten geblieben, z.B. „The Dusty Miller“. Bei der Übertragung zur Jig werden zwei Viertelnoten zu Viertel- plus Achtelnote. 

Die geradtaktige Hornpipe entwickelte sich bereits im 17. Jhd. in Schottland, also ein Jahrhundert früher, bevor sie sich in England verbreitete. Allerding wurde die schottische Hornpipe noch nicht als Hornpipe bezeichnet, sondern als „Scots tune“ oder „Scots Measure“. 

Der Unterschied zwischen einem Reel und der geradtaktigen Hornpipe liegt in der Betonung: Der Reeltakt hat einen Akzent, während die Hornpipe zwei Akzente hat. Die geradtaktige Hornpipe wird auch langsamer als ein Reel und besonders akzentuiert gespielt, wobei die unbetonten Zählzeiten sehr kurz genommen werden. Typisch sind Achtelnoten, wobei es zwei Spielweisen gibt: die runde (Sailor’s Style) und die punktierte Hornpipe (Sand Dance Style). Die Geschwindigkeit variiert je nach Spielweise, wobei die punktierte Spielweise in einem Tempo von 69-76 bpm und die runde in einem Tempo von 104-112 bpm gespielt wird. die runde Hornpipe ist damit dem Reel recht ähnlich, der nur ein bisschen schneller (etwa 120-128 bpm) gespielt wird. Die Achtelläufe der Hornpipes im Sailor’s Style werden staccato gespielt. Bei der punktierten Spielweise werden die punktierten Achtelnoten jeweils mit ihrer darauffolgenden Sechzehntel verbunden. Die Sechzehntel wird mit Staccato abphrasiert.

Im 19. Jhd. wurden die beiden Stile auch vermischt („Newcastle Style“). 

Typisch für englische und schottische Hornpipes ist, dass die Betonung – die normalerweise auf dem 1. und 3. Viertel liegt – am Phrasenende auf das 2. und 3. Viertel wechselt. Solche Takte beginnen mit drei Viertelnoten bzw. Achtelnoten beim 2/4-Takt, von denen die zweite und dritte oft die gleiche Tonhöhe haben, sodass sich ein charakteristisches „Di-Dam-Dam“ ergibt. 

In Irland kam die Hornpipe erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts an und ist dort der seltenste Haupttanz. Unabhängig von der Notation wird die Hornpipe in Irland immer im Triolenfeeling gespielt (mit einer Zeitaufteilung im Verhältnis zwischen 60:40 und 66:33), wobei die Achtelnoten manchmal punktiert geschrieben sind. Das Tempo ist etwas langsamer als ein Reel, etwa 112-120 bpm. 

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