Tango III – Geschichtliche Entwicklung

Die Geschichte des Tangos kann in drei Epochen gegliedert werden: 

Alte Garde: 1880-1917
Neue Garde: 1917-1955
Avantgarde: 1955-1970

Alte Garde

Die erste Epoche des Tangos zwischen 1880-1917 wird auch als Guardia Vieja [ˈgwaɾ.ðja ˈbje.xa] bezeichnet. Die Musiker*innen waren oft arme Einwanderer, die sich etwas Geld durchs Musizieren verdienen konnten. Die frühen Tangos wurden recht flott gespielt mit Melodien im Staccato und eine Begleitung im beschleunigten Habanera-Rhythmus. 

Die Tangos der alten Garde waren für Instrumentalensembles geschrieben worden. Ein Beispiel dafür ist der berühmte Tango „El Choclo“ („Der Maiskolben“) von Àngel Villoldo. Die tirolischen Verzierungen der Melodie weisen eindeutig auf Instrumente wie Querflöte oder Violine hin. Dennoch wurden viele Tango im Nachhinein mit kurzen Versen versehen oder es wurde ein Text dazu improvisiert. 

Die frühe Tangobesetzung bestand aus Flöte, Violine und Gitarre. Ende des 19. Jhd. wurde das Bandoneon ins Ensemble aufgenommen, während die Flöte wegfiel. Das Bandoneon wurde zum Hauptinstrument des Tangos. Die Violine konnte sich zur Ausführung der improvisierten Gegenstimme („el contracanto“) behaupten. Die Violine spielte entweder in Terzen und Sexten zur Hauptstimme oder eine getragene Kantilene aus akkordeigenen Tönen. 

In den Lokalen wurden Klaviere angeschafft, die ebenso ins Tangoensemble aufgenommen wurde und allmählich die Gitarre ersetzte.

Die Einführung des Bandoneons bewirkte, dass der Tango langsamer wurde. Vielleicht um eine bessere Klangentfaltung des Bandoneons zu ermöglichen, vielleicht auch wegen spieltechnischer Schwierigkeiten, mit denen die Bandonisten zu kämpfen hatten. Mit der Verlangsamung wurden auch Legato-Melodien mit einer deutlichen Phrasierung eingeführt. 

Der Komponist und Bandonist Eduardo Arolas, bekannt als „El tigre del bandoneón“, prägte den Tango dieser Zeit entscheidend mit. Arolas komponierte zwar im 2/4-Takt, aber er machte die Achtelnote zur Zählzeit seiner Tangos. Dies wird dadurch deutlich, dass er die erste Viertelnote im Takt nicht als Punktierte spielte. 

Hörbeispiel: „Una noche de garufa“ („Eine durchzechte Nacht“) von Eduardo Arolas (1909). Auf YouTube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=td-XDGB78oA (externer Link)

Die Guardia Vieja komponierte auch Milongas para Bailar, die als Lied konzipiert waren und eine dementsprechend gesangliche Melodie mit geringerer Notendichte hatten. Auch die Einleitung unterscheidet sich vom Tango. Sie besteht aus ein paar Takten rhythmischer Motive anstatt einer Melodielinie wie beim Tango. 
Die Milonga pampeana verlor um 1900 an Bedeutung. 

Kurz vor dem 1. Weltkrieg gelangte der Tango nach Europa. Während der Tanz in Deutschland, Österreich und Italien anfangs von Bällen ausgeschlossen wurde, wurde er in Paris ein beliebter Modetanz. Da Paris modisches Vorbild war, wurde der Tango auch im restlichen Europa angenommen. Die Tanzfiguren wurden in England standardisiert – der internationale Tango („tango de salón“) war geboren. 

Neue Garde

Die neue Garde („guardia nueva“) war geprägt von Profi-Musiker*innen. Das Tangoensemble wurde um den Kontrabass erweitert. Als Standardbesetzung etablierte sich das Sexteto Típico bzw. das Orquesta Típica: 

Sexteto Típico: 2 Bandoneons, 2 Geigen, Kontrabass und Klavier; 
Orquesta Típica: 4 Bandoneons, 4 Violinen, (Viola,) (Cello,) (Gitarre,) Kontrabass und Klavier; 

Zu den berühmtesten Tangos gehören: 

1917: La Cumparsita (externer Link) („Der kleine Straßenumzug“) (Gerardo Matos Rodríguez)
1925: A media luz („Im Dämmerlicht“) (Edgardo Donato)
1927: Gallo ciego (lit. „Bilder Hahn“, Kinderspiel „Bilde Kuh“) (Agustín Bardi)
1928: Adiós, muchachos („Auf Wiedersehen, Jungs“) (Julio César Sanders)

Der Tango erfuhr in der Zeit der Guardia Nueva zahlreiche musikalische Erneuerungen. Zum Beispiel wurde der Habanera-Rhythmus in den späten 1920ern Jahren allmählich vom neuen Marcato-Rhythmus abgelöst und statt dem 2/4-Takt der älteren Tangos wurde der ruhigere 4/8-Takt bevorzugt. Außerdem wurden kontrapunktische Elemente und polyrhythmische Strukturen integriert sowie eine oder mehrere virtuosen Gegenstimmen auskomponiert. 

Der Bandonist Osvaldo Fresedo erweitere 1919 den Ausdruck durch Einführung des „staccato pianissimo“ sowie des allmählichen Crescendos („crescendo ligado“). 

Alfredo Gobbi und Orlando Goñi, der im Orchester von Aníbal Troilo spielte, führten den Walking Bass in den Tango ein.

Neben dem instrumentalen Tango mit seinem markanten Rhythmus und Staccato-Motiven wurden neue Spielarten des Tangos eingeführt: 

1. 1917 nahm Carlos Gardel das Lied „Mi noche triste“ von Samuel Castriota auf Schallplatte auf und führte damit eine Form des gesungenen Tangos, nämlich den Tango Canción [ˈt̪ãŋ.ɡo kãnˈsjõn]. Ein weiteres berühmtes Tango-Lied, das Gardel selbst schrieb, ist „Por una cabeza“. Die Liedtexte, teilweise im Lunfardo verfasst, sind pessimistisch und ähnlich den verbitterten Gesängen aus dem Arrabal. Mit dem Tango Canción beginnt die Epoche der neuen Garde. 

2. Der Tango Romanza wurde um 1920 von Juan Carlos Cobián und Enrique Pedor Delfino entwickelt und von anderen Komponisten aufgegriffen. Beispiele sind die Tangos „Griseta“ und „Milonguita“ von Delfino. Vorbilder für den Tango Romanza waren die europäischen Opern-Kompositionen der Romantik, insbesondere jene von Verdi, Wagner und Puccini. Der Tango Romanza hat einen lyrischen, melodiösen Charakter und wird im Legato interpretiert, entweder gesungen oder instrumental. Die Begleitung ist dezenter als beim herkömmlichen Tango. Ein weiteres Merkmal ist auch die besondere Bassstimme, die vom Pianisten Juan Carlos Cobían verfeinert wurde. Cobían spielte mit der linken Hand am Klavier Akkorde im Arpeggio und füllte die Pausen der Hauptstimme mit Melodien in der Bassstimme aus. 

3. Die Milonga wurde aus Spielart des Tangos wieder eingeführt, nun unter dem Begriff Milonga ciudadana [miˈloŋ.ga sju.ð̞aˈð̞a.na]. Es gibt sowohl mäßig schnelle als auch sehr schnelle Milongas. Die Milonga der neuen Garde kann rein instrumental oder gesanglich aufgeführt werden. Das ersichtlichste Merkmal der Milonga ciudadana ist die Verwendung des Habanera-Rhythmus. Die erste Milonga ciudadana hieß „Un bailongo“ und wurde 1922 vom Afro-Argentinier José Ricardo geschrieben und von Carlos Gardel gesungen. Neun Jahre später, also 1931, folgte das mäßig schnelle Milonga-Lied „Milonga sentimental“ von Sebastián Piana. Beispiele für flotte Milongas sind „Milonga de mis amores“ von Pedro Laurenz und „Nocturna“ von Julian Plaza. 

Die Milonga ist schneller, schwungvoller und fröhlicher als der Tango. Er wird mit einer Auswahl an unkomplizierten Tangoelementen und mit weniger Pausen getanzt. die Schritte können entweder auf den 1. und 3. Schlag gesetzt werden („milonga lisa“) oder es werden drei Schritte in doppelter Geschwindigkeit innerhalb von 2 Schlägen gemacht („milonga con traspié“). 

4. Die Milonga-Candombe ist eine Verbindung von Milonga und Candombe, das heißt es wurden Rhythmen der Candombe übernommen, nicht aber die Perkussionsinstrumente (die kamen erst bei modernen Kompositionen dazu). Die Milonga-Candombe wurde 1940 von Sebastián Piano mit den Stück „Pena mulata“ eingeführt. Eine weitere bekannte Milonga-Candombe ist „Negrito“ von Francisco Canaro. 

5. Der Vals ist eine Mischung aus Tango, Wiener Walzer und Musettewalzer. Er steht im ¾-Takt und wird mit ausgewählten Figuren des Tangos getanzt, wobei pro Takt meist nur ein Schritt gemacht wird. Das Tempo ist so schnell wie die Valse Musette (190 bpm; zum Vergleich: ca. 120 bpm beim Tango Argentino). Einer der ersten Vals der Geschichte ist „Desde el alma“ von Rosita Melo, komponiert im Jahr 1911. 

Während der Tango um 1930 in Europa aus der Mode kam, hatte er zwischen 1935 und 1955 in Argentinien sein „Goldenes Zeitalter“. Argentinien erlebte im 2. Weltkrieg einen Wirtschaftsboom durch Export von Lebensmitteln. Die Leute konnten sich Konzerte leisten, die Tango-Orchester wurden größer. Auch die Oberschicht von Río de la Palata nahm den Tango de Salón an, nachdem er in Europa so erfolgreich war. 

Nach einem Militärputsch im Jahre 1955 wurden die Subventionsgelder für Tangoorchester und Tanzlokale drastisch gekürzt. So kam auch der Tango in Argentinien aus der Mode. 

Avantgarde

Der bedeutendste Komponist der Avantgarde („la vanguardia“) ist der Bandoneon-Spieler Astor Piazzolla, geboren 1921 in Mar del Plata als Sohn italienischer Eltern. Im Alter von 4 Jahren zog er mit seiner Familie nach New York, ehe sie 1937 nach Buenos Aires zurückkehrten. 

1954 erhielt Piazzolla für seine Komposition „Sinfonietta“ ein Stipendium für ein Kompositionsstudium in Paris. 1955 kam er zurück nach Argentinien, um sein eigenes Ensemble zu gründen, nämlich das Octeto Buenos Aires zur Interpretation seiner eigenen Werke. Er erweiterte das klassische Tango-Ensemble durch eine E-Gitarre. 

Piazzolla schuf einen neuen avantgardistischen Kompositionsstil, in dem Elemente des Tangos mit Jazz-Elementen vermischt sind. Auch Einflüsse von Igor Strawinsky und Béla Bartók sind erkennbar. Anfänglich stieß Piazzolla in seiner Heimat auf Kritik und Ablehnung. Ungeachtet dessen komponierte und spielte er weiter. 

1974 veröffentlichte Piazzolla seinen „Libertango“, einen der am häufigsten gespielten Tangos. Der Tango steht für kompositorische Freiheit. Libertango setzt sich zusammen aus „Libertad“ und „Tango“. Auf YouTube ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=t83XjF04r80 (externer Link)

Piazzolla verwendet teilweise barocke Satzformen wie die Suite, die Fuge und die Toccata. Das Konzert „Las Cuatro Estaciones porteñas“ ist in Anlehnung an „Le quattro stagioni“ von Antonio Vivaldi geschrieben worden.

Der Tango Nuevo ist schwerer zu tanzen und wird häufig konzertant aufgeführt. Dennoch ist ein eigener Tanzstil entstanden, der an den traditionellen Tanz angelehnt ist. 

Weitere bedeutende Komponisten der Avantgarde sind Luis Borda, Juan José Mosalini und Dino Saluzzi.


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