Die ersten Bälle in Paris, die Bal Musette [bal my.zɛt] genannt wurden, wurden Ende 19 Jhd. von den Auvergnaten [oˈvɛʁɲatn] – Einwanderern aus der Auvergne [oˈvɛʁɲ] – gefeiert.
Die Auvergnaten flohen Ende des 19. Jhd. wegen Verarmung der Region in die Städte. In Paris siedelten sie zunächst in der Nähe der Bastille, dann in den Arbeitervierteln der Hauptstadt. Manche Pariser Auvergnaten wurden Kohlehändler. Die Kohle wurde in der Auvergne gefördert und nach Paris verfrachtet. Die Auvergnaten eröffneten auch Cafés, in denen sie zusätzlich Holz und Kohle verkauften. In Rue de Lappe [ʁy də lap], einer Auvergnatensiedlung in der Nähe der Bastille, wurde die ersten Bals Musettes gefeiert. Es waren Volksbälle mit Tänzen aus der Auvergne, den Bourrées [bu.ʁes]. Gespielt wurden die Volkstänze auf der Cabrette, dem traditionellen Instrument der Auvergne, fälschlicherweise von den Auvergnaten als Musette bezeichnet. Ebenso kam die Vielle á roue [vjɛ.l‿a ʁu], eine Drehleier, zum Einsatz.
Ab 1861 setzte die Auswanderung der Italiener ein. Getrieben von Armut und wegen der Überbevölkerung des Mezzogiornos zogen die meisten nach Argentinien, Brasilien und USA. Innerhalb Europas war Frankreich das Land mit stärkster Einwanderung aus Italien. Um ca. 1880 begannen die Italiener ebenso Bälle in Frankreich zu veranstalten. Die Italiener tanzten zu Walzer, Polka und Mazurka und verwendeten zu deren Begleitung das Akkordeon, zunächst eine diatonische, wechseltönige Harmonika, dann das chromatische Akkordeon.
Das Akkordeon wurde zunächst bekämpft. In Paris kam es sogar zu Schlägereien zwischen Auvergnaten und Italienern, sodass Volksbälle innerhalb der Stadtmauern verboten wurden. Schließlich wurde das Akkordeon aber als Begleitinstrument zur Cabrette eingesetzt, ehe es die Sackpfeife vollständig verdrängte.
Ebenso wurden die traditionellen französischen Tänze vom Walzer und anderen Tänzen verdrängt. Die Musette war geboren. Weitere musikalische Einflüsse kamen auch vom Paso-Doble aus Spanien, dem Foxtrott aus Amerika, dem Tango aus Argentinien sowie Cha-cha-Cha und Rumba aus Südamerika. Als Begleitung des Akkordeons konnten sich Schlagzeug, Kontrabass und Gitarre etablieren. Heutzutage werden auch E-Bass, Klavier oder Synthesizer dazu genommen.
Zu den bekanntesten Musette-Komponisten gehören Émile Vacher und Jo Privat.
In den 1930er Jahren vermischte sich die Musette mit dem Swing. So entstand in Frankreich der Gypsy-Jazz.
Die Musette wurde bis 1945 zum beliebtesten Tanzstil in ganz Frankreich. Ab 1960 nahm ihre Popularität jedoch drastisch ab, denn der Ball wurde durch Discos ersetzt und der Rock’n’Roll wurde in.
