Tanzen im Mittelalter

Der Adel tanzte bei Feierlichkeiten, die nach der Jagd oder einem Ritterturnier stattfanden. Getanzt wurde nach dem Festmahl im Rittersaal oder im Rathaus, nachdem die Tische und Stühle entfernt wurden. Bevorzugt wurden langsamere Schreittänze.

Die Bauern tanzten auf der Dorfwiese zu verschiedensten Anlässen: Hochzeiten, Verlobungs- und Tauffeiern, Kirchtage, Ernte- und Weinlesefeste und im Fasching. Der Tanz wurde von jungen Leuten zur Paarbildung genutzt. Die Tänze der Bauern wurden als sehr sprunghaft und wild beschrieben, im Kontrast zu den vornehmen Tänzen der adeligen Gesellschaft.

An den Zunfttagen veranstalteten die Mitglieder ihre eigenen Tanzveranstaltungen. Spezielle Tänze waren der Schwertertanz der Messerschmiede, der Reiftanz der Fassbinder und der Fahnentanz der Tuchmacher.

Im Mittelalter wurden keine Tanzanleitungen geschrieben. Als Quellen für den Tanz aus dieser Zeit können nur literarische Werke und künstlerische Darstellungen herangezogen werden. Daraus geht hervor, dass zwischen diesen drei Tanzarten unterschieden werden kann: Reigen, Tanz und Sprung.

Reigen

Der Reigen ist die ältere Tanzform, die seit der Jungsteinzeit in ganz Europa nachweisbar ist. Auf Mittelhochdeutsch dominiert die Wortform „reien“, die auch als Verb im Sinne von „Reigen tanzen“ verwendet wurde.

Beim Reigen bilden die Tanzenden, händefassend, eine Menschenkette, die sich über den Tanzplatz schlängelt. Ein Vortänzer/eine Vortänzerin am Anfang führt den Reigen an. Meist ist der Vortänzer/die Vortänzerin zugleich Vorsänger/Vorsängerin, und die Tanzenden können den Refrain mitsingen. Ursprünglich spielten Musikinstrumente nicht mit.

Ab 1450 wurde auch eine instrumentale Form des Reigens eingeführt, die in Frankreich als „Branle“ bezeichnet wird.

Der Schwabentanz

Der Schwabentanz ist eine spezielle Form des Reigens aus dem süddeutschen Sprachraum. Die Bezeichnung leitet sich vom „Schwallatanz“ ab, im Sinne von „anschwellender Tanz“. Es gibt einen überlieferten Text mit Melodie des Schwabentanzes (externer Link).

Die Melodie besteht aus einem 1. Teil im geraden Takt. Am Ende des 1. Teils nimmt der Letzte in der Kette einen neuen Tänzer / eine neue Tänzerin hinzu. Gewöhnlich kommt abwechselnd ein Mann und eine Frau dazu. Der 2. Teil steht im Dreiertakt. Die Tanzenden bilden mit erhobenen Händen ein Tor, durch das die Kette läuft. Der Tanz beginnt wieder mit Teil 1, und ein neues Glied wird aufgenommen.

Einen höfischen Schwabentanz kann man auf einem Fresko (externer Link) aus dem 15. Jahrhundert im Schloss Runkelstein bei Bozen sehen. Hier führt die Königin den Reigen an.

Tanz

Der Tanz oder auch Hoftanz entstand im 11. Jahrhundert in Nordfrankreich in adeligen Kreisen.

Die ersten Hoftänze wurden mit demselben Schrittmaterial wie der Reigen getanzt, aber die Tänzer standen paarweise hintereinander mit ihren Damen. Der Tanz wurde als Schreittanz ausgeführt, also ohne Sprünge. Bei diesem prozessionsartigen Tanz konnten sich die Herren an der Seite ihrer gepflegten Damen präsentieren. Der Tanz wurde in Einhandhaltung ausgeführt und gehört somit zu den offenen Paartänzen.

Auch in dieser Aufstellung gab es einen Vortänzer und Vorsänger. Ab dem Jahr 1400 wurde der Tanz jedoch instrumental begleitet, anstelle des Gesangs.

Der Hoftanz verbreitete sich als alternative Tanzform in ganz Europa, insbesondere durch die Ritterturniere, und fand auch bei den Bauern Nachahmung.

Neben der Paartanzweise gab es auch die Aufstellung in Dreiergruppen, wobei ein Mann zwischen zwei Frauen tanzte.

Das Wort „tanzen“ hat germanische Ursprünge. „Dansôn“ bedeutete im Fränkischen „ziehen“. Das Wort kam ins Altfranzösische und wurde zu „danser“. Mit dem Hoftanz wurde „danser“ im 12. Jahrhundert ins Deutsche übernommen und erhielt die neue Bedeutung von „tanzen“.

Aus dem Hoftanz entwickelte sich der erste europäische Modetanz, die „Basse danse“, ausgehend von Burgund. Italienische Tanzmeister der Renaissance entwickelten die „Bassadanza“ weiter und hinterließen uns erste Tanzanleitungen.

Die Hauptstimme der Basse danse wurde in gleichmäßigen Breven notiert, die der Instrumentalist mit Ornamenten verzieren sollte. Eine Brevis dauerte so lange wie ein Takt, was 4 Tanzschritten entsprach.

In der Mitte des 15. Jahrhunderts bestand die Tanzkapelle am Hof aus den Instrumenten Schalmei, Pommer und Posaune. Der Pommer spielte den Tenor, die Schalmei improvisierte den Sopran und die Posaune den Bass. Bei kleineren, privaten Veranstaltungen und zum Üben wurde auch mit Flöte, Laute, Orgel, Violine, Harfe und Tamburin begleitet.

Am englischen Hof entstand eine andere Art des Tanzes, der Kontertanz, ein Gruppenpaartanz. Die Kontertänze verbreiteten sich in Mittel- und Norddeutschland sowie Mittelfrankreich, wo sie mit der Bourrée verschmolzen. Dagegen werden im Westen Frankreichs bis heute Kettentänze getanzt.

Sprung

Neben den Schreittänzen gab es auch Sprungtänze. Diese Tänze sind wahrscheinlich aus dem gesprungenen Reigen der Bauern entstanden, bei dem sich – mutmaßlich verliebte – Paare von der Kette des Reigens absonderten und lieber zu zweit tanzten. Ursprünglich war der Sprung ein freier Paartanz, bei dem die Tanzenden ihre Hände in die Höhe hoben. Später kamen Figuren in Einhandfassung hinzu. Der Sprung war ein Werbetanz, der von Gestik und Mimik lebte. Typische Choreografien waren das Fangenspielen, das Hochwerfen der Dame und Drehungen um die eigene Achse.

Ein frühes Beispiel eines Sprungtanzes findet sich im Versepos „Ruodlieb“ aus dem 11. Jahrhundert. Dort wird ein gestikulierter Werbetanz eines Paares beschrieben. Das Epos wurde auf Latein verfasst, vermutlich von einem Tegernseer Mönch.

Minnesänger wie Neidhart von Reuental berichten von den gesprungenen Tänzen der Bauern. In seiner Dichtung wird der Tanz als Mittel zur Werbung um ein Mädchen verwendet. Neidhart verwendet in seiner Dichtung anstelle von „tanzen“ stellenweise das Verb „springen“.

Die „hoppel-rei“ des Volkes wurde auch von Tanzmeistern aufgegriffen. Aus Italien stammt der Solopaartanz „Ballo“, der oft im Anschluss an eine „Bassadanza“ von einem Paar aufgeführt wurde. Die Kombination von langsamem, geradtaktigem Schreittanz und schnellerem, ungeradtaktigem Sprungtanz bildet die Grundlage für die Entwicklung der barocken Suite, wie z.B. Basse danse – Tourdion, Pavana – Galliarda oder Allemande – Tripla.

Eine besondere Form des Ballos ist das Balletto. Dabei werden Themen wie Eifersucht pantomimisch dargestellt. Das Balletto ist somit eine Vorform des späteren Balletts.

Aus dem 15. Jahrhundert sind 23 Melodien für Balli überliefert. Diese Melodien entstammen entweder Reigenliedern oder wurden eigens für den Tanz geschrieben. Anders als bei der Bassedanze liegt der Cantus Firmus in der Oberstimme, in ragione di canto. Die Balli wurden einstimmig notiert, obwohl in den Traktaten von zweistimmiger bis fünfstimmiger Praxis berichtet wird. Es ist anzunehmen, dass die Mehrstimmigkeit improvisiert wurde.

Im Spätmittelalter entstand nördlich der Alpen eine neue Form des Werbetanzes: der Ländler.


Kommentar verfassen

Entdecken Sie mehr von Gerald Bok

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen