Tempus und Tactus – archaische Taktarten

Dieser Artikel betrachtet die Entwicklung der Taktarten vom Mittelalter bis zum Frühbarock und wie sie mit dem Tempo der Musik zusammenhängen. Wie sich herausstellen wird, hatten Tempus und Tactus noch völlig andere Bedeutung als heute … 

In der Musik der Renaissance gab es noch keinen Takt im heutigen Sinne, sondern die Musik lebte vom Fluss der Melodie. Taktstriche tauchten erst im Barock auf. 

Von der Renaissance bis zum Frühbarock wurde die Mensuralnotation verwendet. Mensur bedeutete Längenverhältnis zwischen den verschiedenen Notenwerten. Im 13. Jahrhundert kannte man nur drei verschiedene Notengattungen: Maxima, Longa, Brevis, Semibrevis. 

Maxima, Longa, Brevis, Semibrevis
Notengattungen im 13. Jahrhundert.

Außerdem gab es natürlich für jeden Notenwert ein Pausenzeichen und aus der früheren Modalnotation wurde die Ligatur (Gruppe von zwei bis 4 Noten mit gewissen Rhythmus) vererbt. In der frühen Mensuralnotation galt die perfekte Mensur. Das heißt, die Teilung war ternär: 1 Maxima = 3 Longen, 1 Longa = 3 Breves, 1 Brevis = 3 Semibreves. Die „perfekte“ Dreiteilung symbolisierte die Trinität. 

Die Noten wurden aber nicht immer dreigeteilt, denn die Umgebung bewirkte oft auch eine Zweiteilung, was als Imperfektion bezeichnet wurde. Wenn zum Beispiel auf die Brevis eine Longa folgte, so wurde die Brevis um ein Drittel gekürzt. Meistens galt selbiges auch, wenn auf die Longa die Brevis folgte. Des Weiteren konnte auch eine Alternation auftreten, bei der die Noten um den Faktor 2 verlängert wurden, zum Beispiel bei dieser Tonfolge: Longa – Brevis – Brevis – Longa. Der Wert der zweiten Brevis wird hierbei verdoppelt. 

Imperfektion und Alternation
Beispiele von der Imperfektion und der Alternation.

Im Laufe der Geschichte wurden immer kleinere Notenwerte verwendet und neue Notensymbole kamen dazu. 

Maxima, Longa, Brevis, Semibrevis, Minima, Semiminima, Fusa und Semifusa im 14. Jhd., 15. Jhd. und 17. Jhd.
Entwicklung der Notensymbole.

In der Zeit der Ars Nova in Frankreich (14. Jahrhundert) wurden die Minima, Semiminima und Fusa eingeführt. Waren ursprünglich die Longa und die Brevis wichtigste Notenwerte, so waren es nun die Brevis und die Semibrevis. Die Regeln von der Imperfektion und Alternation galten auch auf dieser Ebene von Notenwerten. 

Neben der perfekten Mensur wurde auch die imperfekte eingeführt, also ein binäres Teilungssystem. Durch Mensuralzeichen, erste Vorläufer unserer Taktzeichen, wurde die Mensur angegeben. 

Das Teilungsverhältnis Brevis-Semibrevis wurde als Tempus bezeichnet. Das Tempus perfectum – das ternäre Maß – wurde durch einen Kreis symbolisiert. Es war das Symbol der Vollkommenheit, ohne Anfang und Ende. Das Tempus imperfectum – das binäre Maß – wurde mit einem Halbkreis gekennzeichnet. Aus dem Halbkreis ging später das Symbol des Viervierteltaktes hervor.

Tempus perfektem und Tempus imperfectum
Tempus perfectum und Tempus imperfectum.

Das Verhältnis zwischen Longa und Brevis (Modus) sowie zwischen Maxima und Longa (Maximodus) mussten aus dem Kontext erschlossen werden. 

Mit der Einführung der Minima musste auch das Maß der Semibrevis angegeben werden, das als Prolatio bezeichnet wurde. Die Prolatio maior wurde durch einen Punkt in der Mitte des Mensuralzeichens gekennzeichnet und stand für die perfekte Mensur. Prolatio minor, die imperfekte Menur der Semibrevis, bekam diesen Punkt ins Mensuralzeichen nicht. 

Prolatio maior und Prolatio minor
Prolatio maior und Prolatio minor.

Alle kleineren Notenwerte, die neu hinzugekommen waren, hatten ein binäres Maß. 

In Italien wurde im 14. Jahrhundert („Trecento“) ein eigenes Mensuralsystem entwickelt, das im Wesentlichen auf dasselbe hinauslief, aber anders dargestellt wurde. Ich gehe hier nicht näher darauf ein. Um 1400 setzte sich das französische System in ganz Europa durch. 

Im 15. Jahrhundert wurde die so genannte „schwarze Mensuralnotation“ von der „weißen Mensuralnotation“ abgelöst. Die Noten wurden nicht mehr ausgemalt, um Tinte zu sparen, denn die Noten mussten groß geschrieben werden, da die Schola auf ein Notenblatt zusammenschaute.

Anfang des 16. Jahrhundert tauchte der Begriff Tactus auf. Tactus kommt von lateinisch „Berührung“ oder „Stoß“ und bezeichnete einen Schlag des Dirigenten („battuta“). In dieser Zeit dirigierte der Dirigent auf die Semibrevis im Tempo perfectum bzw. imperfectum. Die Semibrevis wurde daher Tactus genannt. Ein Schlag bestand aus einem Nieder- und Aufschlag, dabei wurde das Handgelenkt nach unten (Niederschlag ↓) und dann nach oben (Aufschlag ↑) bewegt. Bei binärer Teilung erfolgte der Aufschlag in der Mitte, bei ternärer auf dem letzten Drittel der Note. 

Die Geschwindigkeit eines Tactus lag im Bereich des Pulsschlages – also 60-80 Schläge pro Minute. Dies wurde als Normaltempo („Integer valor (notarum)“) bezeichnet. Das Normaltempo verschob sich mit der Verwendung größerer Notenwerte von der Semibrevis über die Minima im Laufe des 16. Jahrhunderts auf die Semiminima im Hochbarock. Es wurde dann als „Tempo ordnario“ bezeichnet, das sich auf die Viertel eines 4/4-Taktes bezog. Der barocke 4/4-Takt wird also Adagio gespielt, wenn nicht eine davon abweichende Tempoangebe vorhanden ist. 

Eine Modifikation der Geschwindigkeit bat die Schwärzung. Wurden Notenköpfe der weißen Notation ausgemalt, so verringerte sich ihre Dauer auf 2/3 ihres Wertes und sie wurden imperfektioniert. (Eine geschwärzte Minima galt nicht als Semiminima, obwohl sie mit selbigen Symbol dargestellt werden konnte.) Verwendet wurde die Schwärzung z.B. zur Notation von Hemiolen im Tempus perfectum oder von Triolen im Tempus imperfectum. 

Heimele und Triole durch Schwärzung dargestellt
Hemiole und Triole dargestellt durch Schwärzung.

Ähnliches gab es schon bei der schwarzen Mensuralnotation, nur wurden die modifizierten Noten mit roter Tinte („Rubefizierung“) geschrieben. 

Eine Erneuerung im 16. Jahrhundert war die Einführung der Proportion. Sie kennzeichnete eine Tempoänderung, z.B. im Verhältnis von 3:1 (Proportio tripla: , auch ), 3:2 (Proportio sesquialtera: , auch ) oder 1:2 (Proportio dupla: , auch ). Proportio tripla bedeutete also, dass die Noten nach dem Proportionszeichen dreimal so schnell ausgeführt wurden, bei der Proportio sesquialtera anderthalb so schnell und bei der Proportio dupla doppelt so schnell. Die Beschleunigung wurde als Diminution bezeichnet, das Gegenstück ist die Augmentation. Die Proportion wurde durch ein umgekehrtes Zeichen aufgehoben (z.B. erfolgte Aufhebung der Proportio tripla durch ), oder auch durch ein Mensuralzeichen. 

Proportion dupla, Proportio tripla, Proportio sesquialtera
Verschiedene Proportionen und die Schläge des Dirigenten. Die Dauer einer Battuta (Niederschlag ↓ + Aufschlag ↑) änderte sich nicht durch die Proportion.

Die Proportion konnte auch direkt am Anfang des Stückes nach dem Mensuralzeichen auftreten. Wurde die Proportio dupla mit dem Tempus imperfectum zum „Tempus imperfectum diminutum“ kombiniert, so gab es viele verschiedene Notationsmöglichkeiten, die alle das gleich bedeuteten: 

verschiedene Symbole für das Tempus imperfectum diminutum
Verschiedene Symbole für das Tempus imperfectum diminutum.

Aus dem durchgestrichenen Halbkreis entwickelte sich dann unser heutiges Symbol für den Allabreve-Takt . 

Beim Tempus imperfectum diminutum waren theoretisch die Semibreves doppelt so schnell wie im Tempus imperfectum. Dafür verschob sich der Tactus auf die Brevis. Daher kommt der Name „Tactus alla breve“, während das Tempus imperfectum als „Tactus alla semibreve“ bezeichnet wurde. Wurden nun die Notenwerte im Tactus alla breve um einen Grad zu den längeren hin verschoben, so hob sich die Beschleunigung durch die Proportion wieder auf. Solche eine Mensur konnte als Modus imperfectus (minor) bezeichnet werden und war so gesehen nur eine andere Schreibweise des Tempus imperfectum. Doch so einfach ist es nicht! 

Das Tempoverhältnis wurde bereits im Verlauf des 16. Jahrhunderts nicht mehr so strenggenommen. erforderte nurmehr ein etwas schnelleres Tempo als . Das bedeutet, dass die Semibreves schneller waren, als im Tempo imperfectum. Vergleicht man aber den Tactus der beiden Taktarten miteinander (also die Semibreves im mit den Breves im ), sieht die Situation anders aus: der Allabreve-Takt war in dieser Sichtweise etwas langsamer als der Tactus alla Semibreve. 

Daher entstanden zwei verschiedene Musikstile:

Der Motettenstil alla breve mit langen Notenwerten war etwas langsamer und hatte ernsten Charakter.

Der Madrigalstil alla semibreve mit kürzeren Notenwerten war etwas schneller und hatte heiteren Charakter. 

Im Barock findet sich dieses Prinzip wieder: der Kirchenstil („Grave“) verwendete große Notenwerte wie halbe Noten, der fröhlichere Kammerstil („Allegro“) kleinere Werte wie Achtelnoten. Der Viervierteltakt im Tempo ordinario („Adagio“) lag zwischen diesen beiden Stilen. 

Mit der Verwendung von kleineren Notenwerten im 16. Jahrhundert kamen folgende Taktarten in Gebrauch: 

Der Takt hatte zu dieser Zeit die Minima als Takteinheit. Er kann als Prolatio minor interpretiert werden, wobei die Minima dem Tactus entsprach, also vom Dirigenten geschlagen wurde. 

Ein Allabreve-Takt hatte die Semibrevis als Tactus und wurde langsamer ausgeführt als . Diese archaische Taktart (quasi ein 2/1-Takt) wurde in seltenen Fällen noch im Spätbarock verwendet und als großer Allabreve-Takt bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist die E-Dur Fuge aus dem zweiten wohltemperierten Klavier von J. S. Bach. 

Der Allabreve-Takt wurde auch bei flotten Tänzen im geraden Takt wie der Bourrée oder der Gavotte angewandt, in diesem Fall war aber die Minima häufigste Notengattung (wenn auch auf die Semibrevis dirigiert wurde). Das Tempo richtete sich nach dem Charakter des Tanzes. Im französischen Barock wurde hierfür das Symbol verwendet, während das Symbol für den langsameren Allabreve-Takt stand. 

Auch von den Tripeltakten gab es verschiedene Varianten:

: Dreiertakt bestehend aus 3 Semibreves. Es wurde langsam gespielt.

oder oder : Dreiergruppierung von Minimen – es wurde schneller gespielt. 

und : Diese Taktarten kamen auch in Kombination mit verschiedenen Halb- oder Vollkreisen vor, teilweise auch mit Strich. Dieser Strich war aber völlig bedeutungslos. war ein etwas schnellerer Dreiertakt – er stand also zwischen und . 

Nach der Proportion müsste identisch mit sein. Ersteres bezeichnete aber den schnellsten der ungeraden Takte, die Melodie bewegte sich auf Semiminimae (Viertelnoten) fort. Dies kann so interpretiert werden, dass die Zahlen die Anzahl an Noten pro Dirigierschlag angaben.

Im 17. Jahrhundert wurde das proportionale System der Mensuralnotation von einem additiven System abgelöst und die Notenwerte wurden abermals um eine Stufe verkleinert. Die Symbole der Proportion bekamen die heutige Bedeutung, nämlich die Gliederung der Noten in Takte. Erhalten geblieben ist das Mensuralzeichen für den Allabreve-Takt und den gewöhnlichen Vierertakt . Im französischen Barock blieben auch noch die Symbole und für den schnellen Zweier- bzw. Dreiertakt erhalten.

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